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Den Tod ent-tabuisieren.

[Es folgt ein Text über beschissene Krankheiten, das Sterben, den Tod und die Trauer. Das solltest du wissen bevor du weiterliest.]

Oft sind wir sprachlos. Viel zu oft belassen wir es dabei und schweigen. Lassen Menschen alleine, die uns wichtig sind, weil wir nicht wissen was wir sagen sollen. Wir können keinen Trost spenden, weil wir denken wir können nichts ändern, den Schmerz nicht lindern.

Ein „Ich bin da und sehe deinen Schmerz“ hilft. Eine Berührung. Eine Hand halten. Da sein.

Immer und immer wieder.

Wenn ein geliebter Mensch eine Diagnose erhält, bei der es sehr viel Kraft braucht damit klar zu kommen, noch mehr Kraft braucht um die Therapie durchzustehen und nicht zu wissen ob es anschlägt.

Höre nicht auf zu reden in diesen Situationen.

Wie das geht? Zum Beispiel so wie dieser Brief einer Enkelin an ihre Oma, die schon einmal Brustkrebs hatte und bei der jetzt Knochenmetastasen entdeckt wurden:

Liebe Oma,

ich weiß eigentlich gar nicht was ich schreiben soll, ich weiß nur, dass ich dieses Bild irgendwie erklären muss. Wann ich es genau gemalt habe, weiß ich nicht mehr, vielleicht 2 oder drei Tage nach deiner Untersuchung. Was ich bei diesem Bild (während des Malens) gedacht habe weiß ich nicht, wahrscheinlich gar nichts. Ich wollte nur irgendwie deutlich machen, dass irgendwie mit dem Tod nicht alles vorbei ist. Ich weiß einfach nicht wie ich meine Gefühle ausdrücken soll. Ich hab Angst, dass du morgen einfach nicht mehr da bist. Hast du das Gedicht mit dem Regentropfen noch?* Ich hab es dir irgendwann mal geschickt (zum Geburtstag?). Total vergesslich und das mit nicht mal 15 Jahren! Wie geht es dir mit der Erkrankung? Wie findest du das Bild? Sagt es etwas aus? Schön ist es nur, wenn man weiß, was dahinter steckt, oder?

Ich kann das Bild immer noch nicht richtig beschreiben, eigentlich erklären. Vielleicht, oder besser: hoffentlich, kannst du mit dem Bild mehr anfangen.

Ich habe geweint als ich das Bild gemalt habe!

Jetzt könnte ich schon wieder weinen, aber ich weiß, dass du mich nie richtig erlassen wirst, du wirst immer bei mir sein!

Ich wünsche dir noch so viel Zeit wie du sie brauchst

Deine J.

Diese 14 Jährige weiß, ihre Oma wird sterben. Nicht sofort. Nicht heute. Nicht morgen. Aber sie weiß ihre Oma wird daran sterben.

Sie bringt ihre Gedanken zu Papier, es bewegt sie, dass ihre Oma krank ist und sie schreibt. Nicht strukturiert. Wirr. So wie ihre Gedanken sind.

Sie redet. Sie schweigt es nicht tot. Ihre eigene Angst, ihre Traurigkeit, aber auch den Schmerz und die Angst ihrer Oma.

Sie bringt Licht ins Dunkel.

Ich wünsche dir noch so viel Zeit wie du sie brauchst

Darin steckt die Akzeptanz des Sterbens und die Sicht, dass es nicht darauf ankommt, wie lange sie ihre Oma noch braucht, sondern wie viel Zeit diese Frau noch haben möchte.

Sei auch du dieser Mensch, der das Tabu bricht und die Einsamkeit durch die „Oh du hast Krebs“-Isolation beendet.

Die regelmäßigen Kontrolltermine und das Bangen davor. War die Chemo stark genug? Reicht die Therapie aus? Wenn nein, will ich mir die stärkere Dosis zumuten? Wie viele Wochen/Monate mehr Lebenszeit stehen den Nebenwirkungen gegenüber?
Sind wir ehrlich: die letzten beiden Fragen brauchen viel Ehrlichkeit. Sich einzugestehen, dass die eigene Krankheit tödlich verlaufen wird. Das ist … . Und es erfordert unglaublich gute medizinische Begleitung. Und es braucht den Raum es denken zu dürfen. Es sagen zu dürfen.

 

Wie ist es weiter gegangen mit der Enkelin und ihrer Oma? Siebeneinhalb Jahre später saß die Enkelin an einem Bett. In einem Zimmer der Palliativstation des Krankenhauses in dem sie geboren wurde. Mit Blick auf den Park durch den ihre Oma sie als Säugling spazieren geführt hat. Sie betupft die Lippen ihrer Oma mit einem feuchten Tuch. Hält ihre Hand. Streichelt sie. Sagt ihr in Gedanken immer wieder: Es ist okay, wenn du gehst, Oma. Ich liebe dich.

Zur Beerdigung trägt sie die Lieblingsfarbe ihrer Oma: Lila.

 

*) Bei dem Gedicht handelt es sich um ein Gedicht von Bertolt Brecht:

Der, den ich liebe
Hat mir gesagt
Daß er mich braucht.
Darum
Gebe ich auf mich acht
Sehe auf meinen Weg und
Fürchte mich vor jedem Regentropfen
Daß er mich erschlagen könnte.
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2 Kommentare zu „Den Tod ent-tabuisieren.

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